12.05.2021

Teichhaus wird Museum

Viele ältere Mitbürger können sich bestimmt noch an mit Eisblöcken beladene Fahrzeuge im Ort erinnern, die das gefrorene Gut im Sommer von den Eiskellern zu ihren Verwendungsorten brachten. Das waren Metzgereien, Molkereien, Markthallen, Hotels, Gaststätten, Bahnhöfe, Krankenhäusern und auch Villenbesitzer. Bis in die fünfziger Jahre hinein wurden die Eiskeller im Winter mit Eisblöcken gefüllt, so auch im Gail’schen Park in Rodheim. Vergessen ist die große Bedeutung, die diese Einrichtungen in den letzten Jahrhunderten im Alltag der Menschen spielten. Längst haben sie ausgedient und wurden durch Kühlschränke, Klimaanlagen und Eismaschinen ersetzt.

Als Wilhelm Gail 1896 seine Villa und den Park in Rodheim baute, konnte er sich durch den Bau eines Eiskellers den Wunsch erfüllen auch im Sommer jederzeit Eis zur Verfügung zu haben. Bestens geeignet dafür war eine Stelle, direkt am Teich gelegen, von der man die im Winter geschnittenen Eisblöcke leicht in den nahen Keller bringen konnte. Der darüber geformte Erdhügel und die davorliegende Veranda mit einer aus Birkenstämmen hergestellte Front wurden zugleich Gestaltungs- und Schmuckelement im Park. Die Familie Gail hatte ihr Rodheimer Anwesen bereits mit einigen Einrichtungen zur Selbstversorgen ausgestattet, die das tägliche Leben angenehmer gestalteten. So wurde eine Versorgung mit Strom und fließendem Wasser in Haus und Garten installiert. Eine Gärtnerei für Blumen- und Gemüseanbau und Obstgärten lagen im östlichen Bereich. Die Haltung von Geflügel und Bienen ergänzten das Angebot

Die Eisgewinnung und Lagerung und zur Kühlung von verderblicher Ware gab es schon im Altertum. Im Mittelalter bauten sich die Schloss- und Gutsherren nicht nur Burgen und Schlösser, sondern ließen immer Eiskeller oder Eisgruben für den eigenen Gebrauch anlegen, um im Sommer die konstante Temperatur des Erdbodens von etwa neun Grad Celsius zum Kühlen auszunutzen. Das getrocknete Eis aus einem nahegelegenen See hielt sich vom Spätwinter bis mindestens in den folgenden Sommer hinein, teils sogar bis zu anderthalb Jahre.

Während dieser Zeit war Eis ein wertvolles Handelsgut. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Eis auf Schiffen aus Grönland eingeführt. Die daran beteiligten Kaufleute erzielten damit große Gewinne. Wichtigster Eislieferant war bis zur Erfindung der Kältemaschine um 1870 Norwegen. In Deutschland verfrachtete man aus den oberbayerischen Seen regelmäßig Eis bis nach Norddeutschland.

An das Personal stellten diese ersten Eisreservoirs hohe Anforderungen. Denn es galt, den Eiskeller im Sommer nur in der Nacht zu betreten, am besten kurz vor Sonnenaufgang, wenn die Luft ihre Tiefsttemperatur erreichte. Die größten Eisverbraucher ab 1850 aber waren die Brauereien. Denn beim Brauen des untergärigen Biers ist es wichtig, dass die heiße Würze rasch auf eine Temperatur von vier bis sechs Grad Celsius abkühlt.

Bei der "Eisernte", schlug man mit einer Axt ein Loch in die Eisfläche. Mit einer speziellen Eissäge schnitt man dann quadratische Blöcke etwa in der Größe von zwei mal zwei Meter. Diese wurden anschließend von den kräftigen Männern mit den Eiszangen an Land gezogen. Dort wurden sie schließlich aneinander geschlichtet

Eine bahnbrechende Erfindung leitete den Untergang der Eiskeller ein: Um 1870 entwickelte der Ingenieur und Universitätsprofessor Carl Linde eine Kältemaschine, die Natureis langfristig überflüssig machen sollte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Eiskeller komplett durch oberirdische Kühlhäuser ersetzt. Eiskeller haben aber noch nicht ganz ausgedient, denn manche wurden zur Heimat für Fledermäuse.

Der Freundeskreis Gail'scher Park will dieses vergangene Handwerk der Eisgewinnung und der Lagerung in einem kleinen Museum anhand von Erläuterungstafeln, Bildern und Exponaten im Vorraum des Eiskellers im Gail’schen Park zeigen und an Zeiten ohne Kühl und Gefrierschrank erinnern. Gemeinsam mit dem Eigentümer Dr. Wolfgang Lust wird das Teichhaus, wie es auch genannt wird, dafür im Jahr 2021 baulich saniert und auch das Zierwindbrett am Giebel wieder hergestellt werden. Im Februar dieses Jahres haben Mitglieder der AG Parkpflege bereits Birkenstämme und Balken in den benötigten Längen und Durchmessern im Krofdorfer Forst geschlagen und zum Park gebracht. Die Revierförsterin für Biebertal Ulrike Henrich von Hessen-Forst gab dabei dankenswerterweise großzügige Hilfestellung. Es muss aber noch abgewartet werden, ob und wieviel der beantragten Mittel von verschiedenen Fördergebern bewilligt werden. Inzwischen sucht der Freundeskreis nach Exponaten aus der Zeit der Eisgewinnung.

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